PERSONAL: Der perfekte Fehler

Wir stehen einfach da. Vor dieser großen Halle. Um uns herum tausende von anderen Menschen. Ich ziehe ihn zu mir und er mich im gleichen Augenblick zu sich. Ich weiß jetzt schon, dass es falsch ist.

Und trotzdem gibt es kein Zögern, kein Diskutieren. Es gibt nur einen einzigen tiefen Blick, eine sanfte Berührung, die so vertraut ist, dass es befremdlich und schön zu gleich ist. Ich greife nach seinen Haaren, seinem Nacken. Presse meine Lippen auf seine und lasse mich gegen die Wand fallen – ungebremst, euphorisch und mitreißend. Wie immer, wenn er in meiner Nähe ist.

 

„We live in a very cold world.
You shouldn’t have to convince someone to love.“

 

Ich komme erst wieder zur Besinnung, als ich am nächsten Morgen neben ihm aufwache. Alles fühlt sich so vertraut an, nichts ist mir fremd. Die gerahmten Ikea-Bilder an der Wand. Das schwarze massive Holzbett, in denen wir so viele Nächte geteilt haben. Der Duft von Sex und meinem Parfum, das schwer in der Luft liegt. Ich liege einfach nur da und bin gelähmt. Gelähmt von meiner eigenen Dummheit und jenem destruktiven Gefühl, genau diese Momente zu brauchen, um mich einen Augenblick lang wieder lebendig zu fühlen. Es ist, als würde ich das tiefe Fallen genießen und den nüchternen Aufprall noch viel mehr. Doch in diesem Augenblick will ich nur eines: bei ihm sein. Ich will, dass wir ineinander prallen, die Funken sprühen. Vor allem aber will ich, dass es zählt. Ich will, dass wir etwas sind, dass man im ersten Augenblick bereut und gleichzeitig stolz ist, es getan zu haben. Und so sehr alles dagegen spricht, hält es mich nicht auf. Ich will nur den einen Moment, in dem klar wird, dass da wieder oder noch immer etwas ist. Der eine Moment in dem alles hochgeht. Der Moment, indem wir beide nicht mehr denken, verurteilen oder Angst haben. Der Moment in dem wir unseren Emotionen, unserem Verlangen nacheinander nachgeben.

„Fuck!“, denke ich, als ich erst zu ihm und dann unter meine Bettdecke schaue. Das ist alles, was mir durch den Kopf geht, als ich mich noch enger in die Bettdecke einwickle und mich langsam neben ihm aufsetze. Zwischen uns hängt mein Parfum, sein leichter Zigarettenrauch und eine Mischung aus Anziehung und gekränktem Ego, welches uns immer wieder genau an diese Stelle bringt. Die letzten ehrlichen Worte kurz vor unserem Zusammenknall schallen noch durch den Raum. Machen die ganze Situation nicht weniger kompliziert und führen uns geradewegs in alte Missverständnisse. Ich werfe mich zurück und mache die Augen wieder zu. Seine Hand, seine Küsse in meinem Nacken, sein heißer Atem auf meiner Haut, unsere nach Leidenschaft lechzenden Körper, die sich wild umeinander schlingen. Ich spüre förmlich unsere Hände, die sich ins Lacken krallen und einander nie wieder loslassen wollen. An mehr will ich in diesem Augenblick gar nicht denken. Keine Schuld. Keine Reue. Keine Vernunft. Und doch machen wir den gleichen Fehler immer wieder auf eine neue Art und Weise. Er und ich – wir machen keinen Sinn. Und trotzdem halten wir es für eine sinnvolle Idee.

 

We all have that one person we shouldn’t be loving. That one person who doesn’t deserve us. That one person we want to save but can’t because deep down inside we know they will never be ours. It hurts to say, but that person was never in your grasp to begin with, always a hairline away but never close enough to claim as our own.

 

Am nächsten Morgen wird er mich wieder hassen, seine Gefühle verleugnen und wir landen im nächsten Streit. Die Frage ist nur: ist es vielleicht genau das, was uns ausmacht? Dass unsere Geschichte nie zu Ende sein wird? Wir brennen, funken, wir krachen immer wieder ineinander, aber richtig kompatibel sind wir nie. Wir sind wie Plus und Minus, die sich immer wieder anziehen und gleichzeitig abstoßen. Wir sind wie Schatten und Licht, wie Laut und Leise, denn das eine existiert ohne das andere nicht. Das ist die romantische Vorstellung. Aber die Wahrheit ist: Das hier passiert nicht ferngesteuert, nicht automatisch. Das hier wird von Impulsen getriggert, denen ich immer wieder nachgebe. Weil es sich gut anfühlt, wenn er mich will. Selbst wenn es nur die Halbwertzeit einer einzigen Nacht hat.

Ich glorifiziere kleine gemeinsame Momente zu etwas Großem, um in einem Augenblick der Schwäche das Gefühl zu haben, dass wir ohne einander nicht existent sind. Und ich muss verdammt nochmal damit aufhören. Es zerstört mich und frisst mich auf. Ich brenne aus. Jedes Mal auf’s Neue. Und ich weiß das. Und trotzdem kann ich nicht garantieren, dass ich benebelt von zu viel Alkohol und einer romantischen Vorstellung nicht wieder springe – und den harten Aufprall am nächsten Morgen einfach so in Kauf nehme. Wir zwei sind toxisch. Wir tun uns weh. Uns selbst, unseren gemeinsamen Freunden und allen, die zwischen uns auch nur irgendwie eine Rolle spielen. Und doch sind wir hier. Genau an dem Punkt, an dem wir auch schon vor über drei Jahren waren.

Ich würde gerne sagen, dass ich alles was war bereue. Aber das tue ich nicht. Selbst dann nicht, wenn mich das Tageslicht, die Realität und ihre Konsequenzen einholen. Du bist und bleibst der perfekte Fehler.

 

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